Hier könnt ihr euch entspannt die komplette Weihnachtsgeschichte anhören. Die Laufzeit beträgt 68 Minuten.

Der Wind pfiff kalt über die Felder von Eitze und ließ die letzten braunen Blätter von den Eichen am Rand der Straße tanzen. Es war der 1. Dezember, ein Tag, an dem die vorweihnachtliche Hektik in Verden gerade erst anrollte, aber in ihrem kleinen Einfamilienhaus in der Dorfmitte herrschte noch eine trügerische Ruhe. Johannes Winter, 34, stand im Wohnzimmer und versuchte, einen besonders störrischen LED-Lichtervorhang so am Fenster zu befestigen, dass er gerade hing und nicht aussah, als hätte ein betrunkener Wichtel ihn aufgehängt.
„Papa, guck mal! Ich hab den ersten Stern aufgeklebt!“ Sofias Stimme quiekte vor Stolz. Die Vierjährige stand auf einem Küchenhocker und präsentierte stolz einen glitzernden Papierstern, der zwar ein bisschen schief, aber dafür mit größter Sorgfalt an die Terrassentür geklebt worden war.Nina Winter, 31, kam mit zwei dampfenden Tassen Glühwein und einer Tasse Kinderpunsch in der Hand aus der Küche. Ein Duft von Zimt und Nelken füllte den Raum. „Perfekt, mein Schatz“, lächelte Nina, nahm Sofia in den Arm und drückte Johannes den Glühwein in die Hand. „Die Adventsdeko steht, der Kalender hängt und der erste Advent kann kommen.“ Gerade als Johannes nickte, ertönte ein lautes, fast ungeduldiges Klopfen an der Haustür. Nina und Johannes sahen sich überrascht an. „Wer kann das denn sein? Wir erwarten doch niemanden“, flüsterte Nina. Sie stellten die Tassen ab, gingen zur Tür und öffnete sie.

Sie staunten nicht schlecht, denn auf ihrer Fußmatte stand ein kleiner, festlich geschmückter Weihnachtsbaum, überladen mit schimmernden Kugeln und glänzenden Lamettastreifen. Im selben Moment sahen sie im Schein der Straßenlaternen, wie eine Person in der Ferne über den Bürgersteig rannte. Im letzten Licht der Dämmerung, bevor die Gestalt in der Dunkelheit verschwand, meinte Johannes, jemanden ganz kurz erkannt zu haben.

Nina und Johannes starrten der Figur hinterher. Wer brachte ihnen einen Weihnachtsbaum? „Der Nikolaus war da, der Nikolaus war da!“ rief Sofia begeistert. „Da hat er sich wohl etwas im Kalender vertan“, zwinkerte Johannes ihr zu. Bei ihm begann jetzt das Karussell im Kopf. War das Onkel Werner? Nein, der war etwas rundlicher. Kollege Thomas? Quatsch, der hatte doch gerade erst Urlaubsfotos aus Sardinien geschickt. Hm … Und konnte man diesen Baum so einfach mit ins Haus nehmen? Was, wenn das gar nicht so eine wohlmeinende Gabe war? Kannten sie jemanden, der ihnen übel wollte? Jetzt sprang Johannes' Phantasie voll an. Irgendwo in der Ferne hörte er eine Autotür klappen. Oder hatte er sich das nur eingebildet?„Darf ich den Baum für mein Zimmer haben, Papa?“ flötete Sofia begeistert, „Der ist ja sooo süß!!“ „Das überlegen wir noch, mein Schatz“, murmelte Johannes unentschlossen. „Erstmal nehmen wir ihn mit in die Stube und machen uns einen gemütlichen Adventsabend“, verkündete Nina entschlossen, und schnappte sich das Bäumchen. „Lasst uns eine Geschichte aus Deinem neuen Weihnachtsbuch lesen, Sofia, und zwar bevor unsere Getränke kalt werden.“

Die drei gingen zurück ins warme Haus, zündeten eine Kerze an und kuschelten sich auf das Sofa. Während Nina und Johannes die Geschichte vorlasen und abwechselnd Nüsse knackten, rutschte Sofia kribbelig hin und her. Aber bald sprang sie wieder auf und untersuchte das Bäumchen von allen Seiten.
„War es Tante Iris, die liebt doch so Glitzerzeug“, ging es Johannes durch den Kopf. „Was war den das für ein Geräusch, das kam doch nicht vom Nüsseknacken?“ „Irgendwie ist das mit diesem Bäumchen komisch“, flüsterte Nina Johannes zu. „Meinst Du, wir sollten den im Haus behalten?“
„Mama, Papa, guckt mal!“ rief da Sofia von hinter dem Bäumchen, „Was hier ist!“

Nina und Johannes gucken sich verwundert an, denn Sofia hielt eine grün-weiße Holzkugel in der Hand, die scheinbar aus dem Weihnachtsbaum gefallen war.
Vielleicht ein weiterer Hinweis auf die Herkunft des Weihnachtsbaums?
Johannes nahm die Kugel entgegen und betrachtete sie genauer. Es waren zwei Halbkugeln, die miteinander verschraubt waren. Vorsichtig öffnete Johannes das geheimnisvolle Ding. Es kamen drei gefaltete Zettel zum Vorschein. Die gesamte Familie stand unter Anspannung.
Der erste Zettel war ein Zeitungsausschnitt vom 14. Spieltag der Fußball Bundesliga 2003. Hier konnte man unter anderem lesen, dass das Spiel Hamburger SV gegen Werder Bremen 1:1 ausgegangen ist. Werder Fan Johannes ergänzte: „Eine sehr erfolgreiche Saison für Werder, wir haben damals das Double gewonnen.“ Nina zog eine krause Stirn und guckte ihren Mann dabei fragend an.
„Was ist auf den anderen Zetteln?“ wollte Nina wissen. Zettel Nummer zwei enthielt eine Art Kreuzworträtsel, wo aber nur Zahlen einzutragen sind. Dort wurde nach dem Gründungsjahr des Eitzer Schützenvereins gefragt, die Hausnummer von der Eitzer Ortsbürgermeisterin muss eingetragen werden, ebenso das Baujahr vom Eitzer Feuerwehrhaus. Insgesamt 10 Fragen waren zu beantworten.
„Die Lösungen finden wir schnell im Internet auf eitze.de“ sagte Nina und legt den Zettel zur Seite.
Johannes faltet den dritten Zettel auseinander.
Hier war ein Ortsplan von Eitze aufgezeichnet. An mehreren Stellen waren kleine Kreuze gemacht.
Sofia sah den Zettel mit großen Augen an und fragte: „Ist das eine Schatzkarte?“

„Das könnte gut sein“, rätselten Nina und Johannes.
Schnell wurde der Rechner hochgefahren und auf Eitze.de nachgeschaut.
Die Zahlen 1886, 3, und 2014 waren schnell rausgefunden.
Aufgeregt versuchten sie, die Zahlen mit den Kreuzen in Verbindung zu bringen.
Aber irgendwie passte das alles nicht. Da hatte Sofia eine gute Idee.
„Wir machen morgen einen Entdecker-Spaziergang und suchen die gekennzeichneten Stellen auf der Schatzkarte“, schlug sie vor. „Vielleicht entdecken wir etwas Interessantes“, hoffte sie.

Etwas später musste Sofia nun ins Bett. Das würde heute schwierig werden.
Die Kuscheltiere lagen nicht am richtigen Platz, die Bettdecke hatte sich vertüdelt und die Gute-Nacht-Geschichte war heute langweilig. Oder war sie einfach zu aufgeregt?
Na klar! Sie freute sich soooo auf den Ausflug.
Kaum ausgeschlafen flitzte sie sofort zu ihren Eltern. „Aufstehen, bitte aufstehen. Wir wollen doch den Ausflug machen“, drängelte Sofia.
Nina und Johannes waren noch ziemlich müde, aber auch sie waren gespannt und rappelten sich
auf.
Nach dem Frühstück ging es los. Sofia hüpfte vor Aufregung wie ein Flummi auf dem Flur herum.
„Zuerst gehen wir zum Haus der Ortsbürgermeisterin“, schlug Nina vor.
Das Haus mit der Hausnummer 3 sah sehr gemütlich aus.
Es war so schön geschmückt. Sofia schaute sich aufmerksam um.
Neben der Haustür, unter einer Gartenbank versteckt, entdeckte sie eine Wichteltür, daneben den Briefkasten des Wichtels. Auf dem Namensschild stand „Gustav“. Ein netter Name.
Gustav war kein ordentlicher Wichtel. Kleine Skier und Schlittschuhe lagen übereinander in einer Ecke neben der Tür rum.
Sofia überlegte, ob der Wichtel wohl abends auf der Tonkuhle seine Runden drehte?
Wenn das Eis in diesem Winter dick genug ist, würde sie genau nachschauen, ob sie kleine Spuren entdecken kann.

Johannes entdeckte eine kleine Tafel in dem Chaos des Wichtels.
Darauf stand:
„Er kann unseren kleinen Baum bekommen, den uns gestern der heimliche Besucher gebracht hat“, meinte Johannes.
Jetzt machen wir uns fix auf den Weg zum Feuerwehrhaus. Vielleicht entdecken wir da ja was.

Sofia war Feuer und Flamme, denn heute am Samstagvormittag ist Kinderfeuerwehr und sie möchte die Kinder dort gerne treffen, denn so bald wie möglich möchte sie dort auch mitmachen.Johannes, der hinter Sofia und Nina kaum herkam, rief: “Lass uns erstmal zur Mühle laufen, beim Feuerwehrhaus stören wir momentan nur.“ Nina und Sofia liefen schon weit vor ihm, doch er konnte noch rechtzeitig mahnen: „Bitte seid vorsichtig auf dem Weg zur Mühle, er ist nass und holperig.“ Als alle drei vor der Mühle standen staunten sie nicht schlecht. Dort hing eine Lichterkette mit einer Notiz:

Für die drei Suchenden, bitte mitbringen am 14.12.2025 um 15 Uhr - DANKE.
Johannes nahm die Lichterkette vorsichtig ab und die drei wollten sich gerade zum Gehen abwenden, da sahen sie wieder eine Person den Weg zur Weitzmühlener Str. hoch huschen. „Ich glaube, wir werden beobachtet“, vermutete Nina.
Für Johannes und Sofia war klar, dieser Tag hatte genug Überraschungen gebracht, daher sagte Johannes: „Feierabend für heute, morgen ist Nordderby und das wird wieder aufregend und dass hat ja auch mit unserer Rätseltour zu tun, oder?“

Bei der ganzen Aufregung und den kleineren Abenteuer der letzten Tage hatten Nina und Johannes fast vergessen, dass heute Morgen der Nikolaus kommt.Sofia konnte und wollte gestern Abend nicht einschlafen. Sie hatte sich Sorgen um den Nikolaus gemacht, weil sie doch schon jetzt zum zweiten Mal von einer „verdächtigen“ Person beobachtet worden waren. Diese zwielichtige Gestalt könnte ja den Nikolaus davon abhalten, Sofia und ihre Eltern zu besuchen. Oder war das sogar der Nikolaus selbst, um nachzuschauen, ob auch alle „artig“ sind?
Nach vielen beruhigenden Worten und ihrer „Lieblings-Gute-Nacht-Geschichte“ war Sofia dann doch endlich eingeschlafen.
Nina und Johannes hatten gut und umsichtig vorgesorgt und nun war für den Nikolaus alles vorbereitet.
Sofia freute sich nach dem Aufstehen riesig über die Aufmerksamkeiten in Strumpf und Stiefel, besonders über die Tatsache, dass die „unheimliche“ Person den Nikolaus nicht davon hatte abhalten können, vorbeizukommen.

Sie wunderte sich jedoch über die verstreuten Reiskörner in der Küche und die Unordnung auf den Regalen im Wohnzimmer und sogar in ihrem Zimmer – waren das die Wichtel gewesen, von denen sie im Kindergarten und ihren Freunden gehört hatte – oder war das doch wieder die Gestalt, die sie nun schon häufiger beobachtet hatte?
Nina und Johannes jedenfalls waren fest davon überzeugt, dass für die Unordnung und dem verstreuten Mehl nur die Weihnachts-Wichtel in Frage kommen.
Alle konnten sich nun entspannt an den Frühstückstisch setzen. Die Ruhe währte nicht lange, weil Sofias Blick auf die Unordnung im Wohnzimmerregal fiel und sie sich laut fragte, ob wegen dieser Weihnachts- Wichtel Schatzkarte, Lichterkette und die anderen Sachen noch da wären.
Nina und Johannes schauten sich an – was nun, wie „retten“ wir den Tag? – Mit „Nikolaus“ war es das wohl erstmal.

Wie sollte Nina ihrer Tochter erzählen, dass auf merkwürdige Art und Weise sowohl die Schatzkarte als auch die Lichterkette verschwunden waren.
Nina hatte es gleich morgens bemerkt, dass beide Dinge nicht mehr dort lagen, wo sie sie am Abend vorher hingelegt hatte. Insgeheim verdächtigte sie Johannes, sowohl die Schatzkarte als auch die Lichterkette versteckt zu haben.
Und auch Johannes hegte den gleichen Verdacht über Nina.
„Ach Sofia“, sagte Nina mit gespielt fröhlicher Stimme „hast du eigentlich schon den Inhalt deines Stiefels so richtig in Augenschein genommen?“

Zum Glück klingelte in diesem Moment das Telefon und Sofias beste Freundin Tomke aus dem Kindergarten wollte wissen, was Sofia vom Nikolaus bekommen habe.
„Nüsse, Mandarinen, einen Schokoladennikolaus und Karten für die Nikolausfahrt mit der Kleinbahn“, erzählte Sofia voller Begeisterung am Telefon.
„Und weißt du was, Tomke? Ich fahre am Sonntagnachmittag mit der Nikolausbahn zusammen mit Mama und Papa. Vorher wollen wir noch Kekse backen und die dann während der Fahrt gemütlich aufessen.“
„Das ist ja ein toller Zufall, wir fahren auch alle mit dem Zug. Dann können wir gemeinsam eure Kekse essen. Ich mag besonders die Vanillekipferl von euch. Die bekommt meine Mama nicht so gut hin.“ antwortete Tomke.

Danach war das Gespräch schnell beendet, denn man hatte sich verabredet, dass jede eine riesige Schüssel mit Keksen zum Bahnhof mitbringen wollte und die mussten ja noch erst gebacken werden.
So verging der Rest des Vormittags und des Nachmittags recht schnell mit Mehl im Haar und auf den Wangen und Teigresten in der ganzen Küche.
Zwischen all dem Ausstechen der Kekse, dem Backen und Verzieren der Sterne, Herzen und Glocken mit Zuckerguss, Schokolade und Glitzerperlen hatte Sofia gar nicht bemerkt, wie es angefangen hatte zu schneien. Große dicke Schneeflocken, die auf dem kalten Boden auch liegen blieben.
„Komm Sofia, ich glaube, es liegt schon genug Schnee, um dich zum Rodelberg zu ziehen“, sagte Johannes.
„Au ja, Papa“ freute sich Sofia und so zogen die beiden sich warm an, holten den alten Schlitten, mit dem schon Johannes in Kindheitstagen die Berge runtergerutscht war, aus dem Schuppen und zogen los. Nina blieb mit dem Chaos in der Küche allein zurück.

Johannes zog den Schlitten, auf den sich Sofia gesetzt hatte und „Papa, schneller, Papa, schneller“ rief. „Aller Anfang ist schwer“, dachte Johannes, die Kufen des Schlittens waren noch rostig und hinterließen zu Beginn braune Spuren im weißen Neuschnee. Als sie am Hang an der Brücke über den Gohbach angekommen waren, war der Schlitten schön schnell.Dort hatten sich schon einige Kinder samt Eltern eingefunden. Ein paar hatten angefangen, Schneemänner oder Schneefrauen zu bauen, andere Kinder rutschten, unter den besorgten Blicken der Eltern, laut kreischend auf ganz unterschiedlichen Untersätzen den Hang hinunter.
Tomke lag auf der Erde, wedelte mit den Armen im Schnee und machte als Abdruck einen Schneeengel. „Hallo Sofia“ rief Tomke die schon etwas dreckig und nass geworden war. Sie umarmte Sofia, beide rannten los, um nun mit viel Spaß Schlitten zu fahren.
Johannes setzte sich zu Tom, dem Papa von Tomke, in den neuen Holzpavillon und sie betrachteten das Treiben am Hang. Er erzählte von den merkwürdigen Vorfällen in den letzten Tagen. Angefangen von dem Weihnachtbaum, der ihnen vor die Tür gestellt wurde, über die grün-weiße Kugel mit den Rätseln, der Karte mit den Kreuzen, der Lichterkette, dem Zettel, auf dem der Wichtel Gustav einen Weihnachtbaum sucht, der Unordnung in der Wohnung bis dahin, dass Lichterkette und Karte aus ihrem Haus verschwunden sind.Tom fand das Thema total spannend. Beide überlegten wie man die bisherigen Informationen sinnvoll zusammenführen und die verschwundenen Dinge aufspüren könnte. Man war sich einig, man sollte vorgehen wie Detektive.
Es war schon etwas dunkel als die beiden Kinder einigermaßen erschöpft zu den Vätern kamen. Tom schlug vor, zum Abschluss noch zum „Stoffers Hoff“ zu gehen. Dort hatte man, schnell entschlossen, zum ersten Neuschnee eine große Feuerschale sowie Stehtische aufgestellt. Es wurden Kekse und heißer Apfelsaft angeboten. In der schönen, wohltuenden Atmosphäre hatten sich die Väter anscheinend immer noch einiges zu erzählen, während die Kinder den Hof erkundeten. Nach kurzer Zeit kamen sie mit einer blau-weißen Kugel zurück.

Sofia quiekte freudig und aufgeregt über den Fund. „Papa, Papa, wir haben eine weitere Kugel gefunden. Was mag da bloß drin sein?“, hüpfte sie heiter auf und ab, sodass ihre Zöpfe unter ihrer rosa Mütze kurz in die Luft flogen. „Papa, Papa, lass uns schnell nachschauen. Überrascht nahm Johannes die Kugel entgegen und lächelte seine Tochter vergnügt dabei an. „Lass uns sie schnell öffnen, damit wir es wissen.“, sagte auch er etwas aufgeregt. Tom sah neugierig zu ihnen herüber und war ebenfalls ganz interessiert, wie es nun mit dem Rätsel weitergehen wird.
Wieder ließ sich die Kugel in zwei Halbkugeln teilen. „Papa, was ist da drin? Mach es doch nicht so spannend.“ Johannes nahm eine kleine Figur aus der Kugel, eine Mutter mit einem Kind im Arm und zwei weitere Zettel. Auf dem einen Zettel war eine Glocke gezeichnet. Das andere Stück Papier beinhaltete eine Bastelanleitung für Fröbelsterne. Johannes und Tom betrachteten den Inhalt eingehend. Die beiden Mädchen schauten die Männer fragend an. „Papa, was ist das?“, fragte Sofia neugierig. Johannes erklärte es den Mädchen. „Das ist bestimmt Maria mit Baby Jesus.“, strahlte Sofia. Tom spekulierte: „Ob es ein Hinweis auf die Kapelle ist?“. „Oh Papa, können wir zur Kapelle, vielleicht finden wir dort noch etwas.“, hopste Sofia aufgeregt. „Es ist schon spät, Sofia.“, antwortete Johannes leicht unsicher. „Aber Papa, wenn der Hinweis dann aber weg ist?“, sagte Sofia keck zu ihrem Vater. Tom stieß Johannes mit dem Ellenbogen an und stand auf. Johannes grinste,
nahm den Schlitten und lächelte seine Tochter an: „Spring auf, es geht zur Kapelle!“ Sofia und Tomke jubelten und kletterten auf die Schlitten, sodass ihre Väter sie bis zur Kapelle ziehen konnten. „Papa, können wir diese Sterne basteln, wenn wir zuhause sind? Dann können wir die an den Baum hängen und Gustav auch ein paar vorbeibringen.“, fragte Sofia aufgeregt während der Fahrt zur Kapelle. „Aber natürlich.“, lachte Johannes. Die Kinder sangen Weihnachtslieder, als die Fahrt abrupt an der Kapelle endete und sie ein Licht an der Tür entdeckten, gefolgt von einem kurzen Läuten der Kirchenglocke.“

Kann das sein, dachte Johannes für sich, die Glocke läutet doch nur bei besonderen Anlässen und nicht einfach Dienstagabend. Ja, die Weihnachtszeit war schon besonders, freute er sich für seine kleine Tochter, die gerade zu ihm sagte, das Licht wolle ihnen einen Weg zeigen. Aber wohin? Sie waren alle etwas ratlos. Sofias Vater mahnte zum Aufbruch, es war schon spät und ein voller Tag gewesen. Sofia und Tomke mussten jetzt schnell ins Bett. Mit etwas Murren traten sie den Heimweg an. Das Basteln der Fröbelsterne mussten sie vertagen.
Ausgeruht startete Sofia am nächsten Morgen in den Kindergarten. Als sie in den Gruppenraum kam, traute sie ihren Augen nicht: Auf dem Tisch stand der kleine geschmückte Weihnachtsbaum, der schon bei ihnen vor der Tür gestanden hatte und wurde von allen Kindern bewundert. Sofia war ganz aufgeregt, dass sie "ihren" Baum hier wiedersah, und in der Morgenrunde erzählte sie den anderen Kindern der Gruppe, was sie in den letzten Tagen erlebt hatte. Auch, dass sie bei ihrer Schatzsuche den Wichtel Gustav kennengelernt hatte, der im Garten der Ortsbürgermeisterin wohnte und noch einen Weihnachtsbaum brauchte. Schnell waren sich alle Kinder in Sofias Gruppe einig, dass sie den kleinen geschmückten Weihnachtsbaum zu Gustav, dem Wichtel bringen wollten. Also machten sie sich zusammen mit ihrer Erzieherin auf den Weg zu Gustav. Der freute sich ganz doll über den schön geschmückten Weihnachtsbaum.
Als die Kinder noch eine Runde durch das Dorf drehten, und auch Station auf dem schönen, großen Spielplatz beim Dorfgemeinschaftshaus machten, kam da Tomkes Oma mit ihrem Hund Tetsche vorbeigelaufen. Die Oma fragte Tomke etwas in Plattdeutsch, was viele Kinder aus der Gruppe nicht verstanden und sich wunderten, in welch einer komischen Sprache Tomke mit ihrer Oma redete. Tomke erzählte, dass sie sogar ein Weihnachtsgedicht auf Plattdeutsch kenne. Das habe ihre Oma ihr beigebracht, die spiele auch plattdeutsches Theater in Eitze. Da wollten die anderen Kinder natürlich das Gedicht hören. Tomke ließ sich nicht lange bitten und legte los:

Die Kinder hatten zwar nicht alles verstanden, aber klatschten doch Beifall. Auf einmal kam der Hund Tetsche angelaufen und hatte etwas in der Schnauze. Tomke, die den Hund gut kannte und wusste, dass sie das bei ihm durfte, holte es heraus. Es war wieder eine Kugel, diesmal in braun-orange. Sie öffnete sie und ...

… In der Kugel waren genau abgezählt für jedes Kind ein Zimtstern und ein paar kleine Zettel, die auf den ersten Blick für die Kinder keinen besonderen Sinn ergaben. Zunächst fragten sie sich wie genau die richtige Anzahl an Zimtsternen in der Kugel sein konnten, ob Gustav sie wohl beobachtet und die Kugel vielleicht von ihm ist? Nach kurzer Zeit beschlossen die Kinder sich einen Erwachsenen zur Hilfe zu holen der ihnen bei den Zetteln aus der Kugel helfen kann. Im Feuerwehrhaus neben dem Spielplatz brannte Licht und schnell fanden die Kinder einen jungen Feuerwehrmann denen einige Kinder noch aus dem Kindergarten als Erzieher kannten. Der Feuerwehrmann war gerade damit beschäftigt die Werkstatt im Feuerwehrhaus aufzuräumen und fluchte über die andern Brandschützer, die ständig Dinge nicht dort hinstellten, wo sie hingehören. Die Kinder erinnerten den Feuerwehrmann das man besonders in der Weihnachtszeit nicht fluchen soll, weil der Weihnachtsmann alles sieht und hört. Es gibt Leute, die behaupten, dass der Weihnachtsmann sogar mehr sieht als die Nachbarn im Dorf.
Zusammen mit den Kindern versuchte der Feuerwehrmann die Zettel zu sortieren.
Auf einem Zettel stand lediglich das Wort „Weisheit“ auf einem anderen die Zahl 1861. Auf einem dritten Zettel war eine Schule gemalt. Der Feuerwehrmann hatte einen Geistesblitz und erklärte den Kindern, dass er einen älteren Feuerwehrmann kennt, der alles weiß und ganz in der Nähe wohnt. Schnell sind alle auf die andere Straßenseite gelaufen und fanden den allwissenden Feuerwehrmann, der gerade seine Hackschnitzelheizung überprüfte. Nach wenigen Sekunden war dieser sich sicher, dass die Zettel Hinweise auf das Dorfgemeinschaftshaus sein müssen. Denn das heutige Dorfgemeinschaftshaus war früher die Schule im Dorf und „Weisheit“ und „1861“ sind auf dem Spruchbalken über dem Haupteingang niedergeschrieben.
Schnell wie eine Schneeflocke im Sturm liefen alle zum Dorfgemeinschaftshaus und fanden vor dem Eingang eine kleine Tanne mit lauter Gutscheinen für heißen Kakao und Bratäpfel im Restaurant „Am Kamin“. Ruckzuck machten sich alle auf den Weg.
„Im Dicken Ort“ hörten sie auf einmal wie aus dem Nichts ein Geräusch und sahen einen großen Schatten in der Dunkelheit. Zu erste dachten die Kinder es handelt sich um einen Wichtelstreich von Gustav. Die beiden Feuerwehrmänner konnten die Kinder jedoch schnell beruhigen, es handelte sich lediglich um einen Trecker ohne Beleuchtung!

„Am Kamin“ genossen dann der junge Feuerwehrmann mit dem älteren Feuerwehrmann und allen Kindern heißen Kakao und Bratäpfel und rätselten, was in den letzten Tagen im Dorf so vor sich ging und was wohl noch alles kommen mag.
Glücklich merkte eines der Kinder an, dass die Feuerwehr wirklich der wahre Freund und Helfer sei, ehe sich alle satt und aufgewärmt auf den kalten Heimweg im dunklen Eitze machten.

Glücklich und zufrieden legte Sofia sich abends ins Bett und merkte die Erschöpfung aufgrund des ganzen Abenteuers doch, weshalb sie sofort und sogar ohne Gutenachtgeschichte einschlief.

In jener Nacht erhellte nicht nur die wunderschöne Weihnachtsbeleuchtung die Straßen von Eitze, sondern auch der Vollmond ließ die Häuser im hellen Schein vor Eis und Schnee glitzern. In dieser nebeligen und dennoch kalten, klaren Nacht konnte man, wenn man genau hinsah, eine kleine Figur ausmachen, die sich schnell und gezielt im Garten der Familie Winter zu schaffen machte.
Gustav hatte sich den nächsten Streich überlegt und ihn direkt in dieser Nacht umgesetzt. Im Garten bereitete er seinen Rucksack vor mit weitern Kugeln, befüllt mit Rätseln und versteckten Botschaften, die er dieses Mal alle zerteilt hatte und Stück für Stück in Pink, glitzernde Kugeln verteilte. Jede dieser Kugeln sollte ein neues Versteck finden, verteilt in den Vorgärten einiger Eitzer.
So langsam war der Rucksack voll bepackt bis oben hin, die Nacht längst noch nicht zu Ende und Gustav bereit, seine Mission auszuführen. Nur eines fehlte…
Wie sollte er mit seinen kleinen Beinchen schnell durchs ganze Dorf huschen und den gesamten Weg zurücklegen? Ein Helfer musste her, nur leider war er nicht der Weihnachtsmann und Rudolf nirgends zu sehen, mal davon abgesehen war Gustav auch viel zu klein. Da sah er den Maulwurf aus der Erde kriechen und fragte ihn, ob sie zusammen Okf (Ortskontrollfahrt)durchs Dorf machen könnten.
Prompt liefen sie los, verteilten hier und dort eine Kugel mit Bruchstücken einer Botschaft, dekorierten hier und dort mal etwas um, bis sie letztendlich wieder im Garten der Winters ankamen. Die Nacht war erst fast vorbei und ließ noch Gelegenheit offen für einen letzten Streich und so schickte Gustav den Maulwurf in den Garten der Nachbarn, von denen er wusste, dass sie sich besonders freuen würden über den neu bearbeiten Rasen.Am nächsten Morgen standen einige Eitzer verblüfft in ihren Vorgärten und hielten eine Kugel in der Hand. Doch was sollten diese einzelnen Worte ihnen sagen? Hatten etwa auch noch andere jene unvollständige Botschaft bekommen?

Am nächsten Morgen lag über Eitze eine gespannte, fast feierliche Stimmung. Im ganzen Dorf flüsterten die Leute über die rosa, glitzernden Kugeln, die über Nacht in vielen Vorgärten aufgetaucht waren. Viele hatten eine bekommen – und in jeder steckte ein kleiner, handgeschriebener Zettel mit einem geheimnisvollen Satzteil.Während der Abgabe der Wichtelgeschenke für Eitze wichtelt im Dorfgemeinschaftshaus für den morgigen Wiehnachtsklönschnack begannen die Leute sich darüber auszutauschen, wer alles eine der Botschaften in seinem Garten gefunden hatte. Immer mehr Eitzerinnen und Eitzer kamen mit ihren Botschaften zusammen. Und begannen ihre Satzfragmente vorzulesen:
„Auf meinem steht: ,Wenn de Klock dree mol klingelt…´.“, sagte Tomkes Oma.
„Und bei mir heißt es: ,…folg dat Licht, dat boven blitzt.´.“, ergänzte ein anderer Finder einer Kugel. Ein Raunen ging durch den Raum. „Das klingt ja, als würde das zusammenpassen!“, rief jemand. Ein weiterer Eitzer trug seinen Satz vor: „Da Engerl vom Kripperl is umgfalln, weil’s z’vui Lebkucha g’essen hod.“. Alle runzelten die Stirn und Sofia stellte fest: „Das habe ich nicht verstanden.“. „Das war ja auch bayerisch und nicht Plattdeutsch, ist ja quasi eine Fremdsprache für uns Norddeutsche“, stellte Johannes fest. Also suchten alle gemeinsam nur noch nach den Satzteilen, die auf Plattdeutsch verfasst waren und bastelten gespannt an der Botschaft weiter.
Sie fanden noch weitere kleinen Pergamentstreifen, auf denen stand: ,…denn finnst du, wat verloren weer.´ ,…am veerzehnten Dezember, wenn de Snee de Weeg bedeckt…´und auf einem weiteren ,…keert dat Licht na Eitze torügg.´.

Langsam breitete sich eine gespannte Stille aus. „Der 14. Dezember“, flüsterte Nina. „Das ist doch morgen – um 15 Uhr … so stand es auf dem Zettel an der Mühle.“
Neben ihnen an der Pinnwand hing das Werbeplakat für den Wiehnachtsklönschnack, am 14.12.2025 um 15 Uhr und noch während alle neben den vielen bunt verpackten Geschenken über die Botschaft nachdachten, läutete in der Ferne die Kapellenglocke – genau dreimal.

Sonntagmorgen, über Nacht war etwa 10 cm Neuschnee gefallen. Das passt ja, denn heute ist Wiehnachtsklönschnack in Eitze. Da darf Familie Winter nicht fehlen. Während Johannes am Schneeschieben ist, verziert Nina den Kuchen, den sie fürs Kuchenbuffet beim Klönschnack stiftet. Sofia sucht derweil ihre Weihnachtskugel von der Mönchengladbacher Borussia. Diese will sie in den Eitzer Tannenbaum aufhängen.
Angekommen an einen liebevoll geschmückten Dorfplatz waren die Vorbereitungen in den letzten Zügen. Der Brandmeister und sein Jugendwart norden grad‘ noch die Bratwürste ein. „Kann gleich los gehen“ sagt er. Harald heizt die Feuerschale fürs Stockbrotbacken an. Der Sportverein kümmert sich um die Durstigen und das Kuchenbuffet wird vom Schützenverein hergerichtet.

Pünktlich um 15:00h eröffnet die Bürgermeisterin den Wiehnachtsklönschnack. Es haben sich schon einige Leute eingefunden, unter anderem gibt sich auch Henner, ein ehemaliger langjähriger Eitzer, die Ehre. Er war gestern beim Fußball in Verden, kommt nun direkt vom Handball der SG Achim/Baden, schläft heute Nacht in Eitze und fährt morgen heim Richtung Gifhorn…
Plötzlich ein Aufschrei „der Weihnachtsmann ist da!“ Die Freude währte nicht lange. Ein Mitbürger von der Weitzmühlener Straße, der äußerlich viel Ähnlichkeit mit dem Weihnachtsmann hat, wurde am Bratwurststand gesichtet.
Wer hat denn nun gestern die Glocke geläutet war das große Thema. Herbert, ein älterer Eitzer von der „Dorfpresse“ meinte gehört zu haben das der Corsa-Scherge dahintersteckt. Sein Vater hätte das seinerzeit auch gemacht. Warum ausgerechnet nur 3-mal wusste er auch nicht, will sich aber weiter umhören.
Während Johannes mit seiner Doppelkopfrunde am Glühweinstand für Umsatz sorgte, nahmen Nina und ihre Freundinnen den Eierpunsch in Augenschein. „Der erste schmeckte nicht wirklich aber nach dem 5. geht’s ‘‘ waren sich alle einig. Die Kinder backen derweil ihr Stockbrot. Die kleinsten bauen zusammen mit dem Kinderfeuerwehrwart Schneemänner auf der Dorfstraße.
Klingelingeling nun kommt der echte Weihnachtsmann mit dem Lastenfahrrad. Das trieb den Schorsch die Tränen in die Augen, hatte er doch jahrelang diese Rolle inne. Der Weihnachtsmann verteilt an alle Kinder kleine Tütchen mit Keksen aus der Weihnachtsbäckerei des Heimatvereins. Auch Henner bekam eine ab, als Wegzehrung für die Heimfahrt morgen. Als „Danke schön“ erzählte Henner auf welchem Weihnachtsmarkt er schon war und wo er noch hin will… Puh nach so viel Input stärkte sich der Weihnachtsmann mit dem ein oder anderen Heißgetränk. Mit ‘ner Bratwurst auffe Hand und etwas Senf an der Bartspitze zog er von dannen. Im Anschluss sang die Dorfgemeinschaft noch ein paar Weihnachtslieder. Jedoch läuteten undeutliche Aussprachen und schiefe Töne einzelner das Ende des Klönschnacks ein. Familie Winter wurde auf dem Nachhauseweg vom Trecker ohne Beleuchtung überholt. Johannes warf noch eine Salve Schneebälle hinterher. Ob er einen Treffer landete weiß er nicht, war ja dunkel…
Zuhause angekommen fiel das Fazit positiv aus. Wir hatten einen schönen 3. Advent, das machen wir im kommenden Jahr wieder.

Doch bei all dem Glühwein, Eierpunsch, Kuchen und der Bratwurst hatten die Winters ganz vergessen, was sie zusammen mit den anderen Eitzern auf den Papierschnipseln gelesen hatten. Nina zuckt zusammen und holte schnell die Papierschnipsel, die sie in der Küche auf den Tisch gelegt hatte. Sie sortierte die Schnipsel wieder in einer sinnvollen Reihenfolge und liest vor: `Wenn de Klock dree mol klingelt, folg dat Licht, dat boven blitzt, denn finnst du, wat verloren weer am veerzehnten Dezember, wenn de Snee de Weeg bedeckt, keert dat Licht na Eitze torügg.´
Zu ihrer Familie gewandt sagt Nina, dass es nun ja nichts nützt und sie wohl noch schnell eine Runde durchs Dorf ziehen müsste. Mit Sofia auf dem Schlitten natürlich, weil die trotz der plötzlichen Aufregung schon ziemlich müde ist. Und so machten sich die drei auf den Weg durchs verschneite Dorf. Der Mond ist nur als schmale Sichel am Himmel zu sehen. Es ist eine sternenklare Nacht und fröstelich kalt. Durch den Frost und den Schnee glitzern die Bäume am Straßenrand wunderschön und das Dorf liegt ganz ruhig und still dar. Nina und Johannes laufen schweigend nebeneinander her.
Plötzlich hören sie die Glocke der Kapelle exakt drei Mal läuten. Die beiden gucken sich an und schauen auf die Uhr. Es ist kurz vor Mitternacht. Auf einmal sieht Nina eine besonders helle Sternschnuppe die aus der Nähe der Kapelle Richtung Tonkuhle fliegt. „Schnell, wir müssen zur Tonkuhle“ ruft Nina und rennt los. Johannes seufzt und zieht die mittlerweile schlafende Sofia auf dem Schlitten hinter sich her. Er sieht gerade noch wie seine Frau in der Dunkelheit in der Straße „Im Osterfeld“ verschwindet. Von der Sternschnuppe ist noch ein glitzernder Streifen am Himmel zu sehen.

Hoffentlich ist das nicht nur eine Einbildung wegen dem Glühwein und dem Eierpunsch denkt sich Johannes etwas angetüdelt und beeilt sich, weil ihm in der Dunkelheit mittlerweile ein bisschen mulmig wird. Aus der Ferne hört er Ninas Stimme. Mit wem unterhält sie sich denn da? Er kann die andere Stimme nicht zuordnen, doch als er endlich an der Tonkuhle angekommen ist, sieht er Nina an der Stelle stehen, wo vor ein paar Jahren die Birke umgekippt ist und ihr Stamm seitdem als Sitzplatz dient. Nina steht mit dem Rücken zu ihm und redet mit jemandem. Johannes kann allerdings niemanden sehen. Als er endlich neben Nina steht, sieht er mit wem sich diese unterhält. Neben dem Birkenstamm in Glitzer Sternenstaub gehüllt steht…

Nina´s Onkel Klaus, völlig übersät mit Schneeflocken, die im hellen Mondschein funkeln wie Sternenstaub. „Guck mal, ich habe Onkel Klaus getroffen“, sagte Nina während sie sich zu Johannes umdrehte, „er war auch auf dem Klönschnackmarkt und ist wie wir, dem hellen Schweif gefolgt“. Angedudelt vom Glühwein, schwelgte er in Erinnerungen.

„Mensch ihr beiden, damals da war hier was los, so mache Nacht haben wir nur im Adamskostüm hier gebadet. Auch den einen oder anderen Aal haben wir hier an Land gezogen. Ein Aal bückste aus und versteckte sich im Hosenbein, da haben wir vielleicht gelacht. Und stellt euch vor, es soll sogar ein Schatz auf dem Grund liegen, man munkelt es könnte ein Drahtesel sein“.
Während Johannes den Erzählungen von Onkel Klaus lauschte, bemerkte er ein Funkeln im hohlen Baumstamm. „Nina schau mal“, ruft Johannes, „eine „goldene“ Kugel“…. Johannes versucht mit dem Arm in den Stamm zu fassen, um sie herauszuholen, aber sein Arm ist zu kräftig. „Lass mich es mal versuchen“ sagte Nina. Sie langte mit ihrem zierlichen Arm hinein und holte die „goldene“ Kugel raus. Zum Glück hatte Sofia von der überraschenden Entdeckung nichts mitbekommen, sie schlief dick eingemummelt auf dem Schlitten. „Johannes, lass uns schnell nach Hause gehen es ist schon spät und kalt, morgen können wir die Kugel öffnen“, sagte eine fröstelnde Nina. Sie verabschiedeten sich von Onkel Klaus und machten sich auf den Heimweg.Als alle im Bett waren, konnte Nina nicht einschlafen. Sie weckte ihren friedlich schlafenden Mann „Johannes, lass uns die Kugel heute Nacht noch öffnen“. Schlaftrunken folgte Johannes seiner Frau in die Küche.
Gespannt öffneten sie die Kugel. Auch in dieser lag ein Zettel. Als sie die Nachricht gelesen hatten, blickten sich beide erschrocken an „was machen wir jetzt“ fragte Nina, denn auf dem Zettel stand „Erst am 24. Dezember öffnen„ ...

… doch es war zu spät. Beide beschlossen, die Kugel wieder zu schließen und Nina legte sie in den Schrank mit dem Frühstücksgeschirr. „Erstmal eine Nacht drüber schlafen“, sagte Johannes. Am nächsten Morgen staunten die beiden nicht schlecht. Die Kugel war nicht mehr da. Sie hatten alle Schränke durchsucht aber die Kugel blieb verschwunden. „Gut, dass Sofia von der Kugel nichts weiß“, merkte Johannes an und Nina nickte erleichtert.
Es war gegen 11 Uhr als der Paketbote an der Haustür klingelte. Nina erwartete kein Paket, hatte aber kleine Präsente für die Post - und Zeitungzusteller vorbereitet. Sie öffnete erwartungsvoll die Tür. Es war ein kleines Päckchen, schön eingepackt in Geschenkpapier mit einer roten Schleife. Nina nahm das Paket dankend an und überreichte den Boten ein kleines Präsent. Als sie das Paket vorsichtig öffnete, traute sie ihren Augen kaum, darin war ein lang gewünschter blauer Kaschmirschal. Ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk?Am späten Nachmittag machten sich Johannes, Nina und Sofia auf dem Weg in die Verdener Innenstadt. Die Lichter der Weihnachtsbeleuchtung über den Straßen glitzerten schon vom weitem und Sofia drückte begeistert ihre kleine Nase gegen die Autoscheibe. „Mama, Papa, da vorne leuchtet alles!“ rief sie aufgeregt und zappelte in ihrem Kindersitz. Vor dem historischen Rathaus herrschte in der kleinen Budenstadt eine gemütliche, fast schon märchenhafte Stimmung. Lichter hier und da, der Duft von gebrannten Mandeln, Tannengrün und heißen Kakao lag in der Luft. Johannes nahm Sofia hoch, damit sie in der Menschenmenge besser sehen konnte, während Nina sich bei ihm einharkte. Der Schneefall wurde wieder stärker, schnell wurden zuvor geräumte Wege wieder weiß. Gemeinsam tranken sie einen heißen Kakao und hörten dem Glockenspiel am Rathausturm zu. Nach einem kurzen Bummel über dem Markt steuerten sie den kleinen Bäckerladen in der Fußgängerzone an, der für seinen „Verdener Domstollen“ bekannt war. – „Der gehört einfach zu Weihnachten“ meinte Johannes. Sie ließen sich ein ordentliches Stück einpacken und machten sich auf dem Rückweg zum Auto am Norderstädtischen Marktplatz.

Auf der Heimfahrt nach Eitze musste Johannes den Wagen vorsichtig führen, der Schneefall war sehr stark und der städtische Winterdienst hatte bereits die Gegenfahrbahn mit einem großen Trecker und Schneepflug geschoben.
Zuhause angekommen, schippte Johannes noch die Zuwegung zum Haus frei, während Nina den Kaminofen im Wohnzimmer anzündete. Nina stand gerade am Fenster und schaute Johannes bei der Arbeit zu, als ihr Handy klingelte. Es war Ilse, Johannes Mutter aus Heidelberg. „Hallo Ilse!“, sagte Nina freudig während sie das Handy an ihr Ohr hob.
Im Hintergrund hörte man Bahnhofsdurchsagen und rollende Koffer, sowie eine tiefe Männerstimme, die etwas brummte - zweifellos Horst. „Es klappt mit unseren Überraschungsbesuch bei Euch, wir haben gerade im Reisezentrum die Bahntickets gebucht“…

Nina hielt das Telefon fester ans Ohr. „Wie? Ihr kommt heute noch?“, fragte sie überrascht und sah zu Johannes hinaus, der gedankenverloren Schneewürfel vom Spaten klopfte.
„Ja, wir steigen gleich in den Zug!“, rief Ilse fröhlich gegen den Lärm der Bahnhofshalle an. „Horst wollte unbedingt rechtzeitig da sein, du weißt ja, wegen der ganzen Aufregung bei euch im Dorf.“ Im Hintergrund brummte Horst etwas von „Schnee, Chaos und trotzdem pünktlich“.
„Dann… bis später!“, sagte Nina und legte auf. Kaum hatte sie das Handy sinken lassen, hörte sie draußen ein dumpfes Poltern.
Johannes stand plötzlich reglos auf dem Weg, den Spaten halb erhoben. „Hast du das gehört?“
Nina nickte. „Vielleicht der Trecker ohne Beleuchtung?“ – doch Johannes schüttelte den Kopf. „Das kam aus unserem Garten.“
Gemeinsam gingen sie zur Terrassentür. Ein dünnes, glitzerndes Licht zog sich wie eine Schneespur über den frisch gefallenen Schnee – direkt zu dem kleinen Vogelhäuschen, das Johannes vor Jahren gezimmert hatte. Irgendetwas darin bewegte sich. Sehr leise. Fast wie ein Kichern.
„Gustav?“, murmelte Nina ungläubig.Johannes schob die Tür auf. Der Schnee knirschte unter den Stiefeln. Vorsichtig beugte er sich zum Häuschen – doch bevor er hineinsehen konnte, tauchte hinter ihnen eine aufgeregte, verschlafene Stimme auf.
„Papa… Mama… ich hab auf dem Dachboden was gehört…“, sagte Sofia und rieb sich die Augen. „Und… jemand hat einen Baum mit meiner Borussiakugel wieder ins Haus gestellt!“
„Was?“, riefen Nina und Johannes gleichzeitig. Sie drehten sich um – tatsächlich stand der kleine geschmückte Baum plötzlich mitten im Wohnzimmer. Tropfnass, als hätte ihn jemand eben erst aus dem Schnee geholt. Und an einem seiner Zweige hing eine neue Kugel: silbern, schimmernd, mit einer winzigen Schnur aus goldenem Staub.
Nina trat einen Schritt näher. „Da steht etwas drauf…“

Johannes las langsam vor:
„Heut Abend um acht – seid bereit.“
Sofia hielt die Luft an. „Kommt da… der Weihnachtsmann? Oder… jemand anderes?“
Nina schüttelte den Kopf. „Ich glaube… die Geschichte ist noch nicht zu Ende.“

Nina spürte, wie ihr Puls schneller wurde. „Heut Abend um acht, seid bereit.“ Die Worte klangen nicht wie ein Hinweis, eher wie eine Einladung. Oder eine Aufforderung. Johannes nahm die Kugel vorsichtig ab, als könnte sie zerbrechen, wenn man zu fest atmete. Die Schnur aus goldenem Staub kitzelte an seinen Fingern und hinterließ ein kurzes, warmes Kribbeln.

„Vielleicht meint Gustav das“, flüsterte Sofia und schaute abwechselnd zu ihren Eltern und zum Vogelhäuschen hinaus. Draußen glitzerte die Schneespur noch immer, aber sie schien langsam zu verblassen, als würde jemand das Licht von innen heraus ausknipsen.
Johannes stellte den Baum in die Ecke, weit weg vom Kamin. „Okay“, sagte er und versuchte, möglichst normal zu klingen. „Bis acht ist noch Zeit. Wir machen erstmal Abendbrot, und dann sehen wir weiter.“ Doch die Ruhe, die er damit heraufbeschwor, fühlte sich an wie eine dünne Decke über einem Abgrund.
Als Sofia wieder im Bett war, holte Nina die anderen Kugeln hervor. Grün-weiß. Blau-weiß. Braun-orange. Jetzt diese silberne. Sie legte sie in einer Reihe auf den Tisch. „Das ist kein Zufall mehr, Johannes. Irgendwer inszeniert das.“
„Oder mehrere“, murmelte er. „Ilse und Horst kommen gleich… und Onkel Klaus. Tom. Tomkes Oma. Das ganze Dorf irgendwie.“
Kurz nach sieben rollte ein Taxi vor. Ilse stieg aus, dick eingepackt, mit glänzenden Augen und einer Thermoskanne unterm Arm. Horst wuchtete den Koffer durch den Schnee. „Ihr habt ja hier richtig Weihnachten auf Detektiv gemacht“, brummte er, aber sogar er lächelte.Um Punkt halb acht klopfte es noch einmal. Tom stand vor der Tür, als hätte er gewusst, dass er gebraucht wird. „Ich dachte mir… ihr solltet nicht allein warten“, sagte er schlicht.
Sie setzten sich ins Wohnzimmer. Die Uhr über der Tür tickte laut, beinahe unhöflich. 19:58. 19:59. Sofia schlief oben, aber Nina hatte die Tür einen Spalt offengelassen, als könnte sie so jedes Geräusch schneller einfangen.
Dann, genau um acht, ging draußen auf der Straße das Licht aus. Erst die Laterne vor dem Haus, dann die nächste, wie eine Welle durch das Dorf. Für einen Herzschlag war alles schwarz. Und im nächsten Moment flammte etwas auf. Nicht draußen, sondern im Vogelhäuschen. Ein goldener Schein, so hell wie eine kleine Sonne.
„Da“, hauchte Ilse.
Johannes stand auf. „Also gut. Wir folgen dem Licht.“
Als sie die Tür öffneten, hörten sie vom Dachboden ein leises Scheppern. Und von irgendwo ganz nah ein Kichern, das nicht menschlich klang.

Nina und Johannes tauschten einen raschen Blick. Das Kichern war nicht bedrohlich, eher ausgelassen und schelmisch.
Johannes, ein Mann der Tat, schob Nina sanft beiseite und trat als Erster durch die Haustür hinaus in die stockfinstere Nacht. Die Dunkelheit, abgesehen von dem geheimnisvollen goldenen Schimmer aus dem Vogelhäuschen, schluckte alle Konturen.

Der Schein im Vogelhäuschen warf einen langen tanzenden Schatten auf den kleinen Gartenweg.
Vorsichtig näherten sie sich der Quelle des Lichts. Es war keine Glühbirne oder Kerze; das Licht schien direkt aus dem Inneren des hölzernen Häuschens selbst zu strahlen.
„Was glaubst du was das ist?“ flüsterte Nina, ihre Stimme zitterte leicht vor
Aufregung.
Johannes streckte die Hand aus, um das Vogelhäuschen zu berühren. Bevor seine Finger die raue Rinde erreichten, hörten sie wieder das Scheppern vom Dachboden, diesmal gefolgt von einem Plopp und einem leisen Quietschen, das sich schnell näherte – es kam die Regenrinne heruntergesaust.Ein kleiner kupferfarbener Gegenstand landete mit einem dumpfen Geräusch direkt vor Johannes Stiefeln im feuchten Gras. Es war eine winziges, kunstvoll geschnitztes Holzkreuz, die Kanten mit einer hauchdünnen Schicht aus Metall überzogen.
Nina war die Erste, die sich wieder bewegte. Sie kniete vorsichtig nieder und hob das Kreuz auf. Das Kupfer war kalt.
„Es ist ein Schlüssel“ flüsterte sie, ohne Johannes anzusehen, während sie ihren Daumen über die fein gearbeiteten Linien gleiten ließ.
„Das ist kein gewöhnliches Kreuz. Die Tür …

… zum Flur ist übrigens gerade aufgegangen“, meinte Johannes. Und schon erschien Sofia, im Weihnachts-Schlafanzug und mit „Bär“, ihrem Lieblings-Kuscheltier unterm Arm, im Wohnzimmer. „Was macht ihr denn da draußen?“ wollte sie wissen.

„Ach, gar nichts …“, flunkerte Nina und Opa Horst brummte: Wir wollten uns nur mal euer tolles Vogelhäuschen angucken“.
„Oma! Opa!“ rief Sofia da begeistert, die – schlaftrunken wie sie war - erst jetzt ihre Großeltern bemerkt hatte. Nach einer ausgiebigen Begrüßung schnappte sich Oma Ilse ihre Enkeltochter, nahm sie auf den Arm und verschwand mit ihr nach oben, um sie wieder ins Bett zu befördern.
Die anderen Erwachsenen klopften sich den Schnee von den Schuhen, kamen wieder ins Haus und ließen den Abend bei einem Glas Feuerzangenbowle ausklingen. Der geheimnisvolle Schlüssel lag zwischen ihnen auf dem Tisch.
Gesprochen wurde an diesem Abend nicht mehr darüber, aber ein aufmerksamer Beobachter hätte bemerken können, wie dann und wann ein jeder der Anwesenden verstohlen zu dem eigenartig gestalteten Schlüssel hinblickte und sich so seine Gedanken machte.
Am nächsten Morgen strahlte die Sonne mit dem Schnee um die Wette und Johannes machte es Spaß, die Reifen des Autos auf dem glatten Grund etwas zum Rutschen zu bringen, während er und Sofia nach Hohen zum Bäcker fuhren, um Brötchen zu holen. Danach – beim Frühstück mit Kakao und Schoko-Croissants – entdeckte Sofia den Schlüssel. „Was ist das denn!“, rief sie.
„Ach, den haben wir gestern Abend im Garten gefunden …“, meinte Nina. Das Ganze, etwas unheimliche Drumherum, behielt sie lieber für sich.
„Der ist bestimmt für eine Schatzkiste!“, war sich Sofia sicher und wollte sofort anfangen, danach zu suchen.
„Gleich müssen wir uns erstmal um den Weihnachtsbaum kümmern“, brummte Opa Horst. Und so zog die ganze Familie nach dem Frühstück durchs Dorf Richtung Westerfeld, wo man auf einer alten Hofstelle im Sommer Kartoffeln und Eier, im Herbst Kürbisse und zu Weihnachten Weihnachtsbäume kaufen konnte. Vorbei an zwei der ältesten Häuser Eitzes – beide aus uraltem Eichen-Fachwerk – ging es durch den Grund und über die Gohbach-Brücke. Da fand Sofia plötzlich große Spuren im Schnee, wie von einem sehr großen Hund. Oder war es der Wolf, der sich hier in letzter Zeit immer mal wieder irgendwo blicken ließ?
Egal! Jetzt musste erstmal ein schöner Baum ausgesucht werden! Und vielleicht fand sich ja auch irgendwann noch die passende Schatzkiste für den geheimnisvollen Schlüssel. Und eine Erklärung für all die anderen merkwürdigen Sachen, die in den letzten Tagen so passiert waren …

Auf dem Weg zu der alten Hofstelle pfiff ihnen der eisige Wind um die Ohren. Der Winter hatte die Landschaft tief zugeschneit und die grauen Wolken streuten immer mehr Schnee. Wie gut, dass alle dicke Mützen aufhatten. Opa Horst hatte sogar eine Mütze mit Ohrenklappen auf. „Opa, du siehst lustig aus mit deiner Mütze“, rief Sofia. Opa Horst schmunzelte und sagte: „Sie hält meine Ohren so schön warm. Stell dir vor, die Ohren würden im eisigen Wind abfrieren, oder gar abfallen… dann könnte ich ja gar nicht mehr dein fröhliches Lachen hören!“ Oma Ilse knuffte ihn leicht in die Seite, während Sofia überlegte, wie der Opa wohl ohne Ohren aussehen würde.

Johannes zog den Schlitten, auf dem der Weihnachtsbaum später durch den Schnee nach Hause gezogen werden sollte. Auf der Hofstelle angekommen, tummelten sich schon viele Menschen, die freudig auf der Suche nach einem Weihnachtsbaum waren. In einer Feuerschale loderten die hellen Flammen von Birkenholz und der Duft von Bratwurst, Glühwein und Kinderpunsch zog ihnen in die Nase.
„Ich habe Hunger, ich möchte eine Bratwurst essen“, rief Sofia. „Mir knurrt auch schon wieder der Magen“, brummte Opa Horst. Auch Oma Ilse, Johannes und Nina nickten.
Sie ließen sich die leckeren Würstchen schmecken und betrachten dann die rings rum auf dem Hof aufgestellten Weihnachtsbäume. „Der da ist schön!“, rief Sofia und zeigte auf einen Baum von mittlerer Größe. „Oder der da, der ist sooo schön groß!“, rief sie entzückt vor einem Baum, der in einer dunkleren Ecke des Hofes stand. „Das ist tatsächlich ein wunderschöner Baum“, sagte Nina lächelnd. Johannes betrachtete ihn von oben bis unten und drehte ihn einmal herum.
„Ich sehe da was“, sagte Oma Ilse plötzlich und rückte ihre Brille zurecht. „Wo denn…?“, riefen alle fast gleichzeitig. „Da unten, in den dichten Tannenzweigen“, flüsterte Oma Ilse. „Es glitzert golden!“, quietschte Sofia vor lauter Aufregung. „Das ist ja eine goldene Kugel!“, rief sie und holte die Kugel vorsichtig aus den dunklen Zweigen hervor.
Was hatte das bloß alles zu bedeuten…? Johannes sah sich die Kugel genauer an. Sie ließ, wie die anderen gefundenen Kugeln auch, aufdrehen. Darin lag diesmal ein goldener Zettel. Alle hielten gespannt den Atem an. Was war das doch aufregend!
Vorsichtig faltete Johannes den goldenen Zettel auseinander und traute seinen Augen nicht, was da auf dem Zettel stand….

„Bringt alles, was ihr bisher gefunden habt, zusammen. Versammelt alle, die Weihnachten im Herzen tragen. Erst dann werdet ihr das Geheimnis von Weihnachten verstehen. Und erst dann wird sich das Geheimnis der goldenen Kugel offenbaren.“
„Donnerlitchen!“, sagte Horst. „Endlich mal kein Rätsel“, klang Johannes doch sichtlich erleichtert. „Aber so’ne richtig klare Aussage ist das jetzt auch nicht“, bemerkte Nina etwas frustriert.
„Na aber klar doch“, juchzte Sofia in Richtung ihrer Mutter, „Wir laden einfach ganz Eitze zu uns nach Hause ein! Schließlich mag doch jeder Weihnachten, oder Mama?“.
„Halt, halt, halt, alle bei uns zuhause? Das kommt gar nicht in Frage!“ sagte Nina entsetzt.
„Aber was wäre denn mit dem Weihnachtsgottesdienst, da könnten wir doch hingehen, da kommt doch quasi auch ganz Eitze, oder?“, versuchte Ilse zu beschwichtigen.
„Boah, Kirche? Ich weiß ja nicht…“ Kam von Johannes und Horst wie aus einem Mund.
„Versucht es doch mal so zu sehen: Vielleicht zählt ja an Weihnachten weniger das wo, sondern das mit wem. Und stehen nicht so viele Dinge, die ihr in der Weihnachtszeit erlebt für Gemeinschaft? Die Feuerwehr, der Heimatverein, der Schützenverein, der Wiehnachtsklönschnack, die Hofläden und das Restaurant „am Kamin“ - all das sind doch Orte die von Eitzerinnen und Eitzern für Eitzerinnen und Eitzer gemacht wurden und sich für eine schöne, gemeinsame Weihnachtszeit einsetzen. Wieso sollte es also in der Eitzer Kapelle anders sein?“ Es war Klaus, er war wie aus dem nichts hinter ihnen aufgetaucht.
„Das sind mal wirklich weihnachtliche Worte, wir gehen am 24ten um 16 Uhr zur Kapelle – beschlossene Sache!“ legte Nina fest.
„Super, und vergesst die Kugeln nicht…“ sagte Onkel Klaus mit einem Augenzwinkern und zog von dannen.

„Was für ein seltsamer Auftritt.“, wunderte sich Johannes noch. „Das liegt bestimmt daran, dass er jetzt Hausmeister in der Kapelle und am Friedhof ist. Das färbt ab, sag ich dir.“, ergänzte Horst noch scherzhaft.
Sofias Augen wurden ganz weit: „Hausmeister in der Kapelle? Wieviel wusste Klaus eigentlich über Eitze? Lebte er nicht schon ewig hier? Kannte er wohlmöglich auch Gustav?“ Noch lange grübelte sie vor sich hin, während sie mit ihrer Familie den Weihnachtsbaum nach Hause brachte…

Am Morgen des 24. Dezember versammelte sich die ganze Familie Winter am Frühstückstisch: Johannes, Nina, Sofia, Oma Ilse und Opa Horst. Sie sprachen über den Plan, den sie gestern gefasst hatten. „Aber wie sollen es denn die anderen Eitzerinnen und Eitzer erfahren, dass wir uns alle um 16 Uhr in der Kapelle treffen wollen“, fragte da Sofia. „Hmm,“ überlegte Nina, „wir müssten an alle eine Einladung verteilen.“

Schnell setzte sie sich an den Computer und schrieb „An alle, die Weihnachten im Herzen tragen. Kommt heute um 16 Uhr zur Christvesper in der Eitzer Kapelle.“ „Wie viele Einladungen brauchen wir denn“, fragte sie. „Da rufen wir einfach die Ortsbürgermeisterin an. Die weiß, wie viele Haushalte wir in Eitze haben“, meinte Johannes. Und schnell hatten sie die Antwort: Eitze hat etwa 800 Haushalte. Also druckte Nina so viele Zettel aus. Nur gut, dass sie erst in der letzten Woche eine neue Druckerpatrone gekauft hatte.
Nun ging es ans Verteilen. Johannes rief seine Doppelkopfrunde, Onkel Werner und seinen Kollegen Thomas an und bat um Hilfe. Sofia fragte Tomke und die sagte zu, mit ihrem Papa Tom ebenfalls zu helfen. Auch der junge Feuerwehrmann erklärte sich bereit, Einladungen zu verteilen. Und Harald übernahm ebenfalls einen Packen, aber nur einen kleinen, da er ja noch die Kapelle für die Christvesper vorbereiten und heizen musste. Nur Henner konnte nicht, er war gerade auf der Fahrt von Gifhorn nach Eitze. Aber er sagte zu, um 16 Uhr auch an der Kapelle zu sein.
Eine Stunde später trafen sich alle bei Winters. Sie erhielten jeweils einen Packen Einladungen und einen Zettel, wo aufgelistet war, in welchen Straßen sie diese verteilen sollten. „Vergesst nur Familie Hamann nicht, die wohnen ganz am Ende von Eitze,“ rief Nina ihnen noch hinterher. Sie selbst verteilte die Einladungen im `Kanonenviertel´, das sind die Häuser an der Eitzer Straße gegenüber von Mars. Warum das Gebiet diesen Namen hatte, wusste sie auch nicht. Und mit so vielen Helferinnen und Helfern war das Verteilen schnell erledigt.Den ganzen Tag war Sofia aufregt und fragte sich, ob und wie viele Einwohner Eitzes der Einladung folgen würden.
Als es 15.30 Uhr war, zogen sich die Winters warm an und machten sich auf den Weg zur Kapelle. Nina trug eine kleine braune Papiertüte mit sich. Von überall her kamen Leute, die den gleichen Weg wie sie hatten: hin zur Kapelle. Sofia war glücklich, sie alle zu sehen.
Die kleine Kapelle strahlte im Dämmerlicht der untergehenden Sonne. In ihren Fenstern standen viele kleine brennende Kerzen und ein großer Stern an der Eingangstür funkelte ihnen mit seinen Lichtern entgegen. In der Kapelle stand vorne neben dem Altar ein riesengroßer Tannenbaum. Er war geschmückt mit vielen gehäkelten Schneesternen und echten brennenden Wachskerzen, die den Baum in ein leuchtendes Licht tauchten. Sofia sah ihre Mutter fragend an. Und als Nina nickte und ihr die Papiertüte gab, ging Sofia nach vorne, öffnete die Tüte und hängte die Kugeln, die sie in den letzten Wochen gefunden hatten, an den Tannenbaum: die grün-weiße, die blau-weiße, die braun-orange, die silberne mit dem goldenen Staub und drei von den pinkfarbenen.
Die Ankommenden setzten sich in die Reihen und als diese voll waren, wurden aus dem hinteren Bereich der Kapelle noch Stühle geholt und aufgestellt. Und die, die noch später kamen, mussten halt stehen. Sofias Herz war ganz voll von Freude über diese vielen Menschen.
Kurz vor 16 Uhr begann die Glocke zu läuten – diesmal nicht nur drei Schläge, sondern eine ganze Weile. Und dann erscholl der Klang der Orgel und die Christvesper begann. Pastor Kiefer sprach über den Zauber von Weihnachten, dem Esel, der eine tragende Rolle in der Erzählung hat, vom Frieden, den dieses kleine am Christabend neugeborene Kind in die Welt brachte und wie bitter wir diesen auch heute nötig hätten. Und zwischendurch sangen alle zusammen begleitet von der Orgel Weihnachtslieder – schöner hätte es nicht sein können. Und als zum Ende der Vesper alle zusammen das Lied „O du fröhliche“ sangen, wurde jedem ganz warm im Herzen und die Vorfreude auf den Heiligen Abend daheim mit den Familien war spürbar.Aber noch wartete draußen auf die Besucherinnen und Besucher eine Überraschung: während der Christvesper hatten einige Mitglieder vom Ortsrat in aller Heimlichkeit draußen auf dem Parkplatz vor der Kapelle Lichterketten aufgehängt und einen Stand mit Glühwein und heißem Apfelsaft aufgebaut. So konnten alle noch ein wenig verweilen, etwas Heißes trinken und sich gegenseitig fröhliche Weihnachten wünschen; vor allem aber mit Nachbarn und Freunden über all das Geheimnisvolle sprechen, was in diesem Advent in Eitze passiert war. „Wenn das alles nicht geschehen wäre, würden wir heute nicht mit so vielen Eitzern hier vor der Kapelle zusammenstehen und gemeinsam Weihnachten feiern,“ überlegte Johannes. „Vielleicht ist das das Geheimnis von Weihnachten: man kann es nur zusammen feiern!“
„Das stimmt“, sagte Nina ganz aufgeregt. „Und jetzt weiß ich auch, was der Ortsplan von Eitze bedeutet, den wir in der grün-weißen Kugel gefunden haben. Die Kreuzchen zeigen an, wo man in der Adventszeit zusammenkommen könnte. Es wäre doch schön, wenn es die Gelegenheit geben würde, sich an jedem Tag in der Adventszeit zu treffen, um zusammen zu sein und ein wenig zu klönen.“ „Aber nicht jeder hat Lust, so viele Menschen zu sich ins Haus einzuladen,“ gab Johannes zu bedenken, „die einen haben schon alles sauber und aufgeräumt für Weihnachten und bei den anderen ist alles noch so unordentlich, was niemand sehen soll.“
Da hatte Sofia eine gute Idee: “Aber wir können uns doch draußen vor einem schön geschmückten Fenster treffen und jeder, der kommt, bringt Plätzchen und etwas Heißes zu trinken mit. Und die Weihnachtslieder, die wir dann singen, die kennen wir doch alle auswendig.“Und Wichtel Gustav, der mit dem Maulwurf zusammen in dem Gebüsch am Abhang zum Gobach saß und dem lustigen Treiben zusah, sagte: „Vielleicht lernen die Menschen ja doch noch was dazu.“
UMFRAGE
Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie an unserer kurzen Umfrage zur Weihnachtsgeschichte teilnehmen würden. Diese dauert ca. 5 Minuten.
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